Ein nie gebauter Sportkomplex, hohe Betriebskosten und nun eine Strafanzeige des Innenministeriums: Der Fall Fradiváros zeigt, wie das Zusammenspiel von Ministerium und Steuerfahndung greift – und welche Risiken für den Rekordmeister entstehen.

Budapest. Fast zehn Jahre nach den ersten Regierungsbeschlüssen steht das Prestigeprojekt Fradiváros dort, wo es nie stehen sollte: nicht als Sportstadt im Népliget, sondern als Fallnummer bei der Steuerfahndung. Das Innenministerium hat bei der Strafdirektion der Steuer- und Zollbehörde (NAV Bűnügyi Főigazgatóság) Strafanzeige erstattet. Im Raum stehen der Verdacht auf Haushaltsbetrug, Untreue, Amtsmissbrauch, Begünstigung sowie fahrlässige Haushaltsführung und Urkundendelikte. Es geht um fast 25 Milliarden Forint Staatsgeld, das der Ferencvárosi Torna Club seit 2016 für einen Sportkomplex erhielt – und das nach Einschätzung des Ministeriums in großem Umfang anders verwendet wurde als ursprünglich vorgesehen.

Die Angaben aus der Mitteilung der sportpolitischen Abteilung des Innenministeriums sind ungewöhnlich deutlich. 2016 und 2017 beschloss die Regierung, dem Traditionsverein insgesamt 24,947 Milliarden Forint Budgetzuschuss für die Entwicklung des Népliget-Sportareals zu geben, konkret für die „erste und zweite Etappe von Fradiváros“. Die Förderurkunden und die zugehörigen Kostenpläne sahen nach Ministeriumsangaben ausschließlich Investitionen vor: Projektabwicklung, Abriss, Planung und Bau. Betriebsausgaben waren nicht vorgesehen.

Die Förderung war für Beton gedacht, nicht für Stürmer – ob und in welcher Höhe der Staat tatsächlich Geld zurückfordert, wird sich erst in den Verfahren zeigen.

Gebaut wurde Fradiváros trotzdem nicht. Statt neuer Hallen, Akademiegebäude oder Internat listen die vom FTC eingereichten, bislang nicht genehmigten Schlussabrechnungen einen anderen Mitteleinsatz. Aus den 10 Milliarden Forint des ersten Projektabschnitts wurden laut Innenministerium mehr als 8,5 Milliarden als Sach- und Betriebsausgaben verbucht, nur rund 1,44 Milliarden flossen in Investitionen. Beim zweiten Abschnitt mit 14,9 Milliarden Forint Unterstützung meldete der Klub mehr als 3,1 Milliarden als Betriebskosten; 11,2 Milliarden Forint leitete der FTC an die Profifußball-AG weiter.

Politischer Kontext und juristischer Ansatz

Neu an dem Vorgang ist vor allem, wer ihn betreibt. Die Anzeige kommt aus einem Innenministerium, das seit Mai 2026 zur Regierung von Péter Magyar gehört; Ressortchef ist Gábor Pósfai, für den Sport zuständig ist der ebenfalls im Mai ernannte Staatssekretär Attila Kálnoki-Kis, früherer Weltmeister im modernen Fünfkampf und langjähriger Sportjournalist. Damit prüft eine neue Regierung die Mittelvergabe ihrer Vorgängerin an einen Klub, dessen Präsident Gábor Kubatov über Jahre Vizepräsident der Fidesz war. Am Anfang steht die Anzeige ohnehin nicht: Ende Juli hatte die Budapester Polizeidirektion nach einer Anzeige aus dem Fanumfeld bereits Ermittlungen aufgenommen, Mitte August machte Kálnoki-Kis öffentlich, dass die Profifußball-AG des FTC nach eigener Abrechnung zwischen 2019 und 2024 aus den 11,2 Milliarden Forint die Spielerrechte von 38 in- und ausländischen Profis erwarb. Kubatov antwortete damals, man könne beruhigt sein, es sei alles in Ordnung. Der Zeitpunkt ist juristisch entscheidend: Wenn die Transfers 2019 begannen, kann ein Regierungsbeschluss von Ende 2022 sie nach Lesart des Ministeriums nicht nachträglich decken.

Im Parlament hat eine Untersuchungskommission zur Ungarischen Nationalbank (MNB) ihre Arbeit aufgenommen. Ihr Vorsitzender Csőszi Attila (Tisza-Partei) kündigte an, die Geldflüsse und politische Verantwortung rund um die MNB‑Stiftungen offenzulegen; er verwies darauf, dass nach seiner Darstellung 266 Milliarden Forint über Stiftungen aus der Notenbank hinausbefördert worden seien. Mit Fradiváros rückt nun ein reines Binnenprojekt – ohne EU-Mittel – in den Fokus von Transparenz- und Verantwortlichkeitsdebatten.

Das Innenministerium argumentiert juristisch klar: Die ursprünglichen Förderentscheidungen gaben die fast 25 Milliarden Forint ausschließlich für Investitionen frei. Zwischen Oktober 2020 und Februar 2026 wurden die Unterstützungsbedingungen zwar in beiden Etappen jeweils fünfmal angepasst. Am 28. Dezember 2022 erschien ein Regierungsbeschluss, der die zuvor gewährten Unterstützungen auch für Betriebsausgaben nutzbar machte. Nach Lesart des Ministeriums ändert das an der Vergangenheit nichts: Eine spätere Lockerung der Zweckbindung legalisiert eine zuvor investitionsfremde Verwendung nicht. Entscheidend sei, dass Projekte und Geldverwendung bereits vor Ende 2022 liefen.

Das Ministerium verweist auf die einschlägigen Regeln: Demnach kann eine nachträgliche Änderung des Förderzwecks nur dann auf frühere Förderverhältnisse angewandt werden, wenn der Begünstigte weder mit der Umsetzung der geförderten Tätigkeit noch mit der Verwendung der als Vorschuss erhaltenen Unterstützung begonnen hat. Laut den vom FTC zur Abrechnung vorgelegten Rechnungen wurden beide Projektetappen jedoch bereits vor dem Regierungsbeschluss vom 28. Dezember 2022 begonnen.

Wenn das Stadionprojekt zur Transferkasse wird

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Quellen: MTI, kormany.hu, telex.hu
Photo: Der Fall Fradiváros trifft nicht die Tribüne, sondern die Bilanz: Vor dem Groupama-Stadion wächst der Druck auf den FTC, Michał Bulsa / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

 

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